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News & Kurzmeldungen

Neuigkeiten aus der VG Creußen, Haag, Prebitz und Schnabelwaid.


28.01.2026
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Aus der Creußener Geschichte

Brauch und Sitte im Lebenslauf „von der Wiege bis zur Bahre“ und im Jahreslauf von Lichtmeß bis „Die zwölf Nächt“ aus dem Creußener Umland

Brauchtum – Gruß aus alter Zeit auch heut` noch alt und jung erfreut! Im ganzen Jahr, im ganzen Leben tun Brauch und Sitte Freud dir geben! (Annemarie Leutsch, die „Rettl“ vom Hummelgau)

Die Tage des ausklingenden alten Jahres und der Blick in das neue Jahr sind besonders dazu angetan, sich an Brauch und Sitte der Ahnen zu erinnern. Dies soll auch dazu anregen, über den Sinngehalt des gewachsenen und gesunden Brauchtums nachzudenken. Und so könnte es sein, dass jeder sich eingebunden sieht in einer langen Traditionskette, die ihn mit seinen Mitmenschen verbindet. Viele alte Bräuche hat die moderne Zeit durch die fortschreitende Technisierung auch der bäuerlichen Arbeit weggewischt, und eine junge Generation möchte tiefsinniges Brauchtum der Vorfahren mit einem überlegenen Lächeln als unzeitgemäßen alten Rummel abtun. Unsere Ahnen hatten jedoch das althergebrachte Brauchtum hoch- und heiliggehalten und unverfälscht an Kind und Kindeskind weiter vererbt. Dies soll an Beispielen aus den beiden mitmenschlichen Bereichen des allgemeinen Lebenslaufs „von der Wiege bis zur Bahre“ und des Jahreslaufes von Lichtmeß (= 2. Februar) bis zu den „Zwölf Nächten“ (25. Dezember bis 6. Januar = eine Zeit, in der die Winterstürme toben und Schneegestöber die Stuben verdunkeln) aufgezeigt werden.

Die prunkvollen Hochzeiten aus Urgroßvaterszeiten sind verschwunden. Zu jener Zeit wurde die Braut vom Bräutigam meist zu Fuß, nur bei reichen Bauern mit der Kutsche abgeholt. Die Braut trug noch die Brautkrone, eine Filigranarbeit aus Gold- und Silberfäden. Bei der Abfahrt durfte die Braut nicht um- und zurückschauen. Tat sie es dennoch, so hatte sie im Ehestand kein Glück, oder man flüsterte sich gegenseitig zu „Sie schaut sich nach einem anderen um!“ Wer von den beiden Brautleuten das unter der Haustür dargereichte Glas Wein zuerst austrank, der regierte im Ehestand; aber man bedenke, die Braut bekam das Glas nur halb- oder viertelvoll! Und wer zuerst über die Türschwelle trat, „hatte die Hosen an!“ Das Brautpaar wurde von den Kindern „geschnürt“, d.h. mit einem Wickelkissenband aufgehalten, bekam aber erst wieder freie Fahrt durch Werfen von Kleingeld unter die Kinder. Ebenso war das „Hochzeitsanschießen“ vor und nach der kirchlichen Trauung allgemein üblich. Freunde und Bekannte verlangten vom Brautvater scherzweise den „Kirzadreia“, d.h. eine Geldspende für einen guten Trunk. Der „Kirzadreia“ war von alters her die Gabe für den Kauf einer „Dreierkerze“. Ebenso erschien in später Abendstunde bei den Hochzeitsgästen die Köchin und zeigte jammernd ihre „verbrannte“ Schürze. Die „arme Köchin“ wurde von den Mitleid heuchelnden Gästen reichlich „entschädigt“. Nach Rückkehr aus der Kirche schnitt sowohl der Mann als auch die Frau ein Stück Brot vom Brotlaib ab, und beide Brote wurden aufgehoben. Wessen Brot nun zuerst schimmelte, der starb zuerst vor dem anderen. Vor Mitternacht wurde dann die Braut von den Hochzeitsburschen „gestohlen“, d.h. an einen unbekannten Ort entführt, wo eine „mächtige Zeche“ gemacht wurde, die dann der Bräutigam zu begleichen hatte. Hatte die Braut einen früheren Liebhaber verschmäht oder hatte der Bräutigam seine frühere Geliebte „sitzen lassen“, dann streuten Dorfburschen in der Nacht vor dem Hochzeitstage vom Haus der oder des Verschmähten bis zum Hochzeitshause Häcksel oder „Sieh“, d.i. Abfall beim Dreschen. Auf einem Baum vor dem Hause des oder der Verschmähten aber hing dann eine Strohpuppe als sichtbarer Ersatz. Eine junge Mutter durfte als „Wöchnerin“ vor dem ersten Kirchgang die Dachtraufe des eigenen Hauses als Grenze nicht überschreiten, überhaupt die Straße nicht betreten vor der Kindstaufe und der damit verbundenen „Aussegnung der Wöchnerin“. Die Kindstaufe wurde nach Möglichkeit so gelegt, dass die Mutter mit zur Kirche kommen konnte. Die sogenannte Aussegnung geschah jedoch nur auf besonderen Wunsch.

Zum Abschnitt „Lebenslauf“ gehört aber nicht nur die Hochzeit und die Geburt des jungen Lebens, sondern auch die Beendigung des Lebens, der Tod. Starb ein Erwachsener, so wurde der Tote gewaschen und das Tongefäß mit dem Waschwasser hinters Haus geworfen, dass es Scherben gab. Der Tote wurde entweder mit seinen eigenen Kleidern oder nur mit einem billigen Sterbehemd bekleidet. Alte Leute trugen im Sarg eine schwarze Zipfelkappe und wollene Strümpfe. Der Tote wurde im offenen Sarg in der Haustenne aufgebahrt und mit Palmzweigen und Blumen geschmückt. Auf der Brust lag das geöffnete Gesangbuch mit einer Schere. Am Kopfende des Sarges brannten zwei Kerzen, und bei den Füßen des Toten lag ein Stück Talg, damit die Mäuse den Toten nicht benagten. Eine verstorbene Jungfrau wurde mit der Bänderhaube geschmückt, die aus Seide genäht, mit Pappe versteift und mit Spitzen und 50 cm langen Seidenbändern verziert war. Einer verstorbenen Konfirmandin legte man als Symbol der Auferstehung ein Osterei in die rechte Hand. Die Tote wurde mit den Füßen voran aus dem Hause getragen und der Sarg auf der Haustürschwelle dreimal gehoben und gesenkt. Vor dem Trauerhause stand der Leiterwagen. Jedes Pferd bekam ein Stück Brot und der Fahrer Bier und Brot. Nach dem „Absingen“ vor dem Hause wurden zum Abschied im Stall die Kühe „aufgetrieben“ von ihrem Lager. Ferner wurde auf dem Getreideboden das Getreide und die Sämereien angefasst und im Keller die Kartoffeln berührt, damit den Früchten die Keimfähigkeit verblieb. Verließ der Leichenwagen den Hof, so musste der Bauer dreimal anfahren zum Zeichen, dass man das liebe Familienmitglied nur ungern aus dem Hause entließ. Die Fenster wurden geöffnet, damit die Seele des Toten entweichen und zum Himmel auffahren konnte. Dies geschah bereits auch schon, wenn unmittelbar der Tod eingetreten war.


Quelle: Archiv von Hans Bauriedel


Teil II folgt in der nächsten Ausgabe des VG-Creußen-Journal

Raimund Nols, 2. Bürgermeister



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